Свят - Еврозона

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Gestern, am Rande von Thilo Sarrazins Buchvorstellung in Berlin, hat Henryk M. Broder, mitten in einem Pulk von Reportern, von Kameras und Mikrophonen, eine scharfsinnige Beobachtung mitgeteilt: Es ist das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, sagte er, zumindest das erste Mal seit sehr vielen Jahren, dass ein Kanzler oder Kanzlerin ein Urteil zu einem Buch abgibt. Das zeugt, so Broder, von einer weitgehenden Verostung dieser Republik.

Ich möchte dem verehrten Henryk Broder den Terminus Verostung nicht streitig machen. Ganz im Gegenteil - wenn ich die Ereignisse der vergangenen Woche Review passieren lasse, bin ich geneigt sogar etwas weiter zu gehen. Ich befürchte, dass wir Grund haben, von einer Ver-Mittelostung oder Ver-Fernostung Deutschlands zu sprechen.

Bisher kannten wir es nur aus fernen Ländern, aus Ägypten, aus Pakistan oder aus Indonesien: sobald irgendwo auf der Erdkugel jemand eine Mohammed-Karikatur druckt oder einige, für moslemische Ohren zweideutige, Sätze veröffentlicht, ziehen sofort und ganz „spontan“ entrüstete Scharen bärtiger Männer durch die Straßen und tun der ganzen Welt ihre Empörung kund.

Die überschäumende Wut, die hektisch zusammengeschusterten Plakate, die zu verbrennenden Puppen mit den Gesichtszügen übler Zeitgenossen aus dem Westen sind in solchen Fällen schnell zur Hand. Dabei spielt es gar keine Rolle, dass niemand aus der Schar der Erzürnten und Anprangernden die Karikatur gesehen, den Text gelesen oder etwas über die Gedanken und Absichten des fernen Autors gewusst hat. Der Empörung der Straße im Mittleren und Fernen Osten tun solche Petitessen keinen Abbruch.

In den letzten Tagen ist über die deutsche Öffentlichkeit von oben herab eine Welle der Empörung zusammengeschlagen. In seltener Einigkeit ertönen aus allen politischen und medialen Ecken entrüstete Aufrufe. Zorn und Verachtung werden einem Autor entgegen geschleudert und seinem Buch, dass noch gar nicht richtig erschienen ist und dessen mehr als 400 Seiten noch von keinem redaktionellen Schnellleser bewältigt sein können.

Wenn solche Vorverurteilungen, solche Hexenjagden und menschenunwürdige öffentliche Demütigungen in unserer Republik zur Norm werden, dann reicht Verostung zur Beschreibung der Lage nicht mehr aus.

Die Verfernostung ist meiner Meinung nach nicht mehr weit…

Freuen kann uns zur Zeit nur eins. In der Mitte Berlins sind noch keine brennenden Sarrazin-Puppen aufgetaucht…

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