Im Fiaker mit Christo Botev* ins Hotel „Bulgaria“

OLYMPUS DIGITAL CAMERAMilen Radev

Bulgarien hat aus verschiedenen, meist selbst verschuldeten Gründen, nicht mehr viele Freunde in der heutigen Zeit.

Einer der wenigen, der jahrzehntelang sein Herz treu und unverzagt an die Bulgaren, an die bulgarische Literatur und Kulturtradition hängte, sie wie kein Zweiter kannte und vieles dafür tat, sie wieder in die deutsche öffentliche Wahrnehmung zurück zu holen, war der Slawist, Autor und Übersetzer Norbert Randow.

Am 1. Oktober verstarb Norbert Randow nach kurzer Krankheit in Berlin. In freundschaftlicher Verbundenheit möchte ich mit diesen Zeilen, die ich zu seinem 80. Geburtstag vor 3 Jahren schrieb, an Ihn erinnern.

M.R.


In den frühen Morgenstunden einer Sommernacht des Jahres 1952 entsteigt dem, mit zwölfstündiger Verspätung in den Hauptbahnhof von Sofia eingefahrenen, Zug ein bleichgesichtiger, vermutlich erstaunt um sich blickender deutscher Jüngling von imposanter Statur.

Der zukünftige Slawist, Übersetzer, Herausgeber, Literaturwissenschaftler und Historiker des bulgarischen Schrifttums Norbert Randow betritt zum ersten Mal bulgarischen Boden.

Aus der Unwegsamkeit der schwarzen Sofioter Nacht erlöst ihn der Lokführer. Der Ratlosigkeit des ausländischen Gastes gewahr, fährt dieser kurzentschlossen den Zug ins Depot, winkt einen der auf dem Bahnhofsvorplatz vor sich hinschlummernden Fiaker herbei und begleitet den Jüngling ins Hotel „Bulgaria“. Bis zum heutigen Tage erinnert sich Norbert an den Namen seines nächtlichen Betreuers: Christo Botev *

Ich glaube, man kann sich schwerlich einen bedeutungsträchtigeren Einzug des 22-jährigen Studenten in das Land, welches seine zweite Heimat werden sollte, ausdenken als diesen, vom Schicksal zusammengefügten: mit einem gewissen Christo Botev unterwegs ins Hotel Bulgaria

In den seit jener Nacht folgenden fast 60 Jahren war es Norbert Randow beschieden, die bulgarische Literatur und die herzlichen Beziehungen zu vielen ihrer besten Autoren zum Mittelpunkt seines schöpferischen Lebens zu machen. Und Bulgarien sollte ihm immer und immer wieder Ruhepunkte und Arbeitsmöglichkeiten bieten, es sollte ein Ort für Begegnungen mit Freunden und Angehörigen werden, ihm den Zugang zu einer jahrhundertealten intellektuellen und künstlerischen Welt gewähren. Eine Welt, die Norbert sich so tief und innig  erschlossen hat, wie nur wenige unserer Zeitgenossen.

Nach 1952 folgen die Besuche in Bulgarien in dichter Reihenfolge. Der ursprüngliche Anlass ist, wie so oft, romantischer Natur: die im Fischerort Baltschik entflammte Leidenschaft für eine reizende Tochter der Schwarzmeerküste. Bald, nach einer Rundreise von 2000 km mit der Monatsfahrkarte der Bulgarischen Eisenbahn, soll Norbert Randow auch weitere Schönheiten Bulgariens kennen- und lieben lernen.

In Sofia führt ihn der Zufall als Untermieter in die Wohnung der bemerkenswerten intellektuellen Dame einer alten, bereits verschwundenen Sofioter Welt der Literaten und Kenner Europas – Jeanna Nikolova. Die ehemalige Lehrerein am Italienischen Gymnasium, nach dem Umsturz von 1944 als „Faschistin“ an eine „Zigeunerschule“ am Rande von Sofia verbannt, wird zu seiner langjährigen Wirtin. Jeanna Nikolova wird für Norbert das lebendige Band zur Tradition und zum Wertvollsten im bulgarischen intellektuellen Leben knüpfen.

Nachdem er eine Aspirantur in Sofia zum Thema „Pencho Slavejkov und die deutsche Literatur“ aufgenommen hat, bekommt Norbert die Gelegenheit, 1954 an der Eröffnung des Javorov**- Museums in Chirpan teilzunehmen. Auf der Rückfahrt laden ihn mit einem Extra-Bus angereiste Sofioter Schriftsteller ein, die kleine Balkan-Stadt Kazanlyk zu besuchen. Über Nacht soll sich Norbert ein Hotelzimmer mit dem Dichter Atanas Daltschev teilen.

Diese Fügung und die sich daraus entwickelnden Gespräche bis ins Morgengrauen – von Proust über die deutsche Philosophie bis zur bulgarischen Literatur – legen den Grundstein für eine der wichtigsten Freundschaften Norbert Randows in Bulgarien – die mit Atanas Daltschev, dem großen Verweigerer, wie er ihn nennt. Dem Menschen und Künstler, der sich konsequent verweigert, sowohl gegenüber der im Lande herrschenden Ideologie, als auch gegenüber den banalen Kämpfen und Alltagsquerelen im Schriftstellerverband.

Randows Aspirantur an der Sofioter Universität erfährt ihr jähes Ende, nachdem er im Satireblatt „Starschel“ eine ironische Rezension über das gerade erschienene, bis zur Lächerlichkeit misslungene Deutsch-Bulgarische Wörterbuch veröffentlicht. Der Autor des Buches erweist sich als ein einflussreicher Genosse. Die DDR-Botschaft in Sofia veranlasst umgehend die Abberufung des Aspiranten wegen „Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Bruderlands Bulgarien“.

Nach 1956 und den Enthüllungen des XX Parteitages der KPdSU in Moskau setzt auch beim bis dato begeistert an die marxistisch-leninistischen Ideologiedogmen glaubenden Jungsozialisten die Ernüchterung ein.

Im Zuge einer Wohnungsdurchsuchung der Stasi 1962 findet man bei Norbert Randow den Roman „Doktor Shiwago“ von Pasternak. Das reicht für den Vorwurf der „antisowjetischen Verleumdung“. Ein Jahr nach dem Mauerbau wiegen aber andere, ihm zur Last gelegte „Vergehen“ noch schwerer: ein Freund hat sich über die Kanalisation nach Westberlin abgesetzt und vorher sein Manuskript Norbert zur Aufbewahrung und nachfolgender Weiterleitung in den Westen überlassen. Dies gilt als „staatsfeindliche Hetze“ und „Beihilfe zur Republikflucht“ – oder als „gewusst, aber nicht verpfiffen“, wie es im Volksmund heisst.

Der 32 Jährige wird zu 3 Jahren Haft verurteilt und erst 1965 aus dem Gefängnis entlassen. Von nun an und bis 1989 sorgt die Stasi dafür, dass Norbert nirgendwo eine feste Anstellung erhält. Er kommt bescheiden als freischaffender Übersetzer und Herausgeber über die Runden. Seine Wohnung in der Achtermannstraße in Pankow verwandelt sich in einen legendären Ort für innige und ausgelassene Begegnungen Ostberliner freidenkender Intellektueller, Künstler und deren Gäste. Aber auch zu einem sorgfältig durch die Stasi überwachten Objekt, wie aus den umfangreichen Akten, die Norbert nach 1989 einsehen konnte, hervorgeht.

Abgehört wurde unter anderem durch die Wand der Nachbarwohnung, Gespräche wurden protokolliert und Besucher aufgelistet. Besonders verdächtig erschien der Stasi-Beobachtung z.B. der Umstand, dass zum 49. Geburtstag von Randow just 49 Gratulanten und zudem „konspirativ, einzeln oder zu zweit“ erschienen seien. Vermutlich hätte es die ostdeutschen Tschekisten nicht so sehr überrascht, wenn alle Geburtstagsgäste in Reih und Glied und mit einer Blasmusikkapelle vorneweg aufmarschiert wären.

Im Laufe mehrerer Jahre kann von Reisen nach Bulgarien keine Rede sein. Norbert Randow übersetzt bereits eifrig aus dem Bulgarischen und betätigt sich auch als Herausgeber für bulgarische Literatur in ostdeutschen Verlagen. Dank fester Quoten, die es dort für die Literatur der „Brudervölker“ gibt, können so wertvolle Titel der bulgarischen Klassik, wie z.B. „Unter dem Joch“, „Der Aufbruch der fliegenden Schar“, aber auch Sammelbände mit Prosa und Dichtung der Gegenwart erscheinen.

1967 lernt Norbert seine zukünftige Ehefrau Theda, eine Studentin aus Westberlin, während einer ihrer Besuche im Osten kennen. Von nun an begegnen sie sich in längeren oder kürzeren Abständen, immer nur für kurze Zeit und unter den Bedingungen des strengen Grenzregimes für Gäste aus dem Westen. Die Verbindung der Beiden wird sich solider erweisen als die angeblich für alle Ewigkeit gebaute Berliner Mauer. Im Jahre 1978 kommt ihr Sohn in Westberlin auf die Welt. Sie nennen ihn Clemens – zu Ehren des wundertätigen bulgarischen Heiligen aus Ohrid in Mazedonien.

Es mag auf den ersten Blick eigenartig erscheinen, aber gerade Bulgarien wird in dieser Zeit der einzige Ort der Welt, wo sich die, durch den Eisernen Vorhang getrennte Familie begegnen und Clemens in relativer Ruhe mit seinem Vater zusammen leben kann – wenn auch immer nur für eine begrenzte Zeit. Das Zentrum für Bulgaristik in Sofia lädt den aktiv übersetzenden und zur Verbreitung der bulgarischen Literatur im deutschsprachigen Raum beitragenden Norbert Randow „gemeinsam mit seiner Familie“ wiederholt für jeweils mehrere Monate zu Studien- und Arbeitsaufenthalten nach Bulgarien ein.

Norbert Randow nutzt die Zeit konzentriert aus. Er übersetzt die klassischen Lebensaufzeichnungen des Mönchen Sofroni aus Wraza und gibt nach einjähriger Arbeit auch die „Slawo-bulgarische Geschichte“ des Paissi von Chilandar aus dem 18. Jahrhundert auf Deutsch heraus. Letztere versehen mit einem 90-seitigen Kommentar – wie ihn die bulgarische Literaturwissenschaft bis heute nicht kennt.

Für diese Übersetzung zeichnet ihn die Bulgarische Akademie der Wissenschaften 1985 mit dem angesehenen Preis „Paissi von Chilandar“ aus. In Bulgarien verkehrt Norbert in einem weitläufigen künstlerisch-kreativen Kreis. Zu seinen engsten Freunden zählen talentierte und von der sozialistischen Obrigkeit kritisch beäugte Autoren wie Alexander Gerov, Minko Nikolov, Boris Deltschev, Radoj Ralin, Dimiter Avramov… Unermüdlich schreibt er für deutschsprachige Ausgaben, für Zeitungen und Zeitschriften über literarische und literatur-wissenschaftliche Themen mit Bezug zu Bulgarien. Das bibliographische Verzeichnis seiner Autorentexte umfasst 168 Einträge, seine Übersetzungen gehen in die Hunderte.

Nach dem Fall der Mauer 1989 kann Norbert Randow zum ersten Mal die Wohnung seiner Lebenspartnerin Theda im Westteil Berlins besuchen und das Kinderzimmer seines 11-jährigen Sohnes sehen. Die Humboldt-Universität zu Berlin, aus der er gleich nach seinem Hafturteil entlassen worden war, stellt ihn wieder ein und beruft ihn bald zum Professor für bulgarische und weißrussische Literatur. Bis zu seiner Pensionierung kann er noch mehrere Semester unterrichten. Im Jahre 2000 verleiht ihm der bulgarische Staatspräsident Peter Stojanov die höchste Auszeichnung – den Orden „Stara Planina“. 2008 wurde der Literat in Berlin mit dem höchsten deutschen Orden, dem Verdienstkreuz am Bande gewürdigt.

Mit gutem Recht kann Norbert Randows Zuhause in Berlin als lebendiges Museum der bulgarischen Literatur bezeichnet werden. Ich bin mir sicher, dass außerhalb Bulgariens keine derart umfassende Sammlung an Erstausgaben und ganzer Jahrgänge von Periodika – seit dem 19. Jahrhundert bis heute – existiert. Dabei sind die Schätze in Norberts endlosen Buchregalen keineswegs abgelegt und vergessen, nein, sie dienen der täglichen Arbeit. Beim Gespräch ist der muntere Jubilar jederzeit bereit, aufzuspringen und mit unfehlbarem Griff einen Band an der richtigen Stelle herauszuholen, um ihn beim nötigen Zitat oder Verweis aufzuschlagen.

Wahrscheinlich gibt es nur wenige Freunde des Balkanlandes, die ihr persönliches und berufliches Leben auf so ehrliche und tiefgründige Weise mit Bulgarien verbunden haben. Eigentlich kann Norbert Randow gar nicht zu ihnen gezählt werden, es wäre nicht korrekt, ihn einen Freund Bulgariens zu nennen.

Für mich ist Norbert schlicht und einfach ein Bulgare aus Norddeutschland, aus dem ihm so am Herzen liegenden Großherzogtum Mecklenburg – Strelitz. Dabei ist er ein Wahlbulgare – nach der Wahl des Herzens und des Geistes, ein deutscher Bulgare, der emotional und intellektuell sein Leben mit dem Land der Rosen und der Musen verbunden hat, der dem heutigen Land der stiernackigen Oligarchen kritisch gegenüber steht und – genauso wie wir alle – Anteil an dessen Schicksal nimmt, der mit-leidet und mit-hofft…


* Christo Botev – bedeutendster bulgarische Dichter und Revolutionär des 19. Jh.
* * Javorov – namhafter bulgarischer Dichter vom Anfang  des 20. Jh.


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  1. […] De Zorata […]

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  2. […] Nachrufe auf Norbert Randow: Tagesspiegel ✝ VdÜ ✝ ostpol ✝ De Zorata […]

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